Jugendpolitische Forderungen des Stadtjugendrings Leipzig

beschlossen auf der Vollversammlung am 07.07.2020

Vorwort

Die Stadt Leipzig muss auch zukünftig ein attraktiver Lebensort für junge Menschen sein. Gesellschaftliche Veränderungen wie die wachsende Stadt, die Digitalisierung, die Klimakrise oder eine sich wandelnde Arbeitswelt stellen große Herausforderungen an junge Menschen.  

Damit junge Menschen hier gute Bedingungen für ihr Aufwachsen vorfinden und die vielen an sie gestellten Anforderungen bewältigen können, ist ein tragfähiges politisches, soziales, kulturelles und wirtschaftliches Fundament erforderlich. Eine kinder- und jugendgerechte Kommune also, die die Interessen junger Menschen immer mitdenkt.

Als Stadtjugendring Leipzig wollen wir an diesem Fundament mitarbeiten und haben das politische Mandat zur Formulierung der hier vorliegenden Jugendpolitischen Forderungen übernommen. Gemeinsam mit unseren vielfältigen Mitgliedsvereinen und vielen jungen Menschen aus dieser Stadt haben wir uns dafür auf den Weg gemacht. Denn eins ist klar: Die junge Generation will umfassend beteiligt werden!

Mit unseren Jugendpolitischen Forderungen richten wir uns an Entscheider*innen aus Kommunal-, Landes-, Bundes-, und Europapolitik, sowie an die Fachöffentlichkeit und die Verwaltung der Stadt Leipzig.

Packen wir es gemeinsam an.

Für eine kinder- und jugendgerechte Kommune der Zukunft.

1. Unsere wachsende Stadt

Leipzig hat in den letzten Jahren einen enormen Wandel erlebt. Während bis in die Zweitausender Jahre hinein die Einwohnerzahlen rückläufig waren, hat sich dieser Trend schon lange umgekehrt. Mit steigender Tendenz leben aktuell knapp 600.000 Menschen hier.

Leipzig ist eine junge und anziehende Großstadt im Osten Deutschlands. Knapp ein Drittel der Stadtbevölkerung ist unter 30 Jahre alt. Sehr viele, gerade junge Menschen sind in den letzten Jahren nach Leipzig gezogen, aus dem Umland und aus dem Osten Deutschlands, aber auch aus den alten Bundesländern und aus Europa und der ganzen Welt.

Die wirtschaftliche Lage der Stadt hat sich in den vergangenen Jahren kontinuierlich verbessert. Verschiedene Unternehmen siedelten sich in der Stadt an, die Arbeitslosenquote ist merklich gesunken, junge Menschen finden wieder Ausbildungsplätze in Leipzig.

Gleichzeitig führen die positiven Entwicklungen der letzten Jahre auch zu fortschreitenden Segregationsprozessen. Arme Menschen werden stärker an den Stadtrand verdrängt, auch für junge Menschen wird es immer schwieriger, günstigen Wohnraum zu finden um von Zuhause auszuziehen. Zunehmend geraten kulturelle und soziale Freiräume unter Druck.

Unsere Forderungen:

  • Junge Menschen umfassend und jugendgerecht an Stadtteilentwicklungsprozessen beteiligen
  • Erhalt und Schaffung von Jugendfreizeitstätten und offenen Jugendeinrichtungen
  • Offene Räume für eine multifunktionale Nutzung, auch generationsübergreifend
  • Anpassung der finanziellen Mittel der Kinder- und Jugendförderung an die steigenden Bedarfe einer wachsenden Stadt
  • Bezahlbarer und günstiger Wohnraum für junge Menschen

2. Für Vielfalt und gesellschaftliche Teilhabe

Leipzig ist vielfältig, bunt und lebenswert, eine weltoffene Stadt im Herzen Deutschlands. Hier leben Menschen mit unterschiedlichsten Lebensentwürfen, Weltanschauungen und Religionen friedlich und gut zusammen.

Damit das so bleibt bzw. noch weiter ausgebaut wird, müssen wir Zugangsbarrieren abbauen und überwinden, inklusiv und integrativ auf alle Bevölkerungsgruppen zugehen, Teilhabe offensiv ermöglichen. Ob Migrationshintergrund, eine körperliche oder geistige Beeinträchtigung oder andere individuelle Eigenschaften: Leipzig muss eine Stadt für alle sein.

Gleiche Zugangschancen und Beteiligungsmöglichkeiten sollten zu einer Selbstverständlichkeit werden. Denn niemand darf zurückbleiben oder fallen gelassen werden. Nur gemeinsam und demokratisch wird eine gute Zukunft gestaltet.

Dabei hat Toleranz immer auch Grenzen. Parteien und Gruppierungen die menschenverachtend, diskriminierend und demokratiefeindlich agieren, sollte möglichst wenig Raum geboten werden.

Unsere Forderungen:

  • Jugendgerechte, einfach verständliche kommunale Beteiligungsformate entwickeln
  • Junge Menschen sollen unabhängig von ihrer Herkunft bei politischen Entscheidungsprozessen mitbestimmen dürfen
  • Politische Bildung als Auftrag von schulischen und außerschulischen Bildungseinrichtungen schärfen
  • Die Senkung des Wahlalters auf kommunaler Ebene auf 14. Lebensjahr
  • Ermäßigung des ÖPNV für junge Menschen

3. Umwelt und Nachhaltigkeit

Ein gelingendes Aufwachsen und die Zukunft junger Menschen hängen immer stärker mit den Veränderungen unserer Umweltbedingungen zusammen. Die menschliche Lebens- und Produktionsweise hat enorme Auswirkungen auf das Klima und die gesamte Umwelt. Nicht ohne Grund wird deshalb von einer Klimakrise gesprochen, deren Ursachen bekämpft und deren Auswirkungen kompensiert werden müssen.

Als Leipziger*innen wollen wir unseren Beitrag dazu leisten, wohl wissend das viele Herausforderungen nur gesellschaftlich und nicht individuell gelöst werden können. Durch die Verwendung nachhaltiger Produkt- und Verpackungsformen im Alltag, wie beim Schulessen, der Müllvermeidung und Rückführung in den Entsorgungskreislauf oder der Nutzung des ÖPNV und des Fahrrades.

Als Jugend(verbands)arbeit wissen wir, dass Wissen nicht gleich Handeln bedeutet. Neben der Stärkung der allgemeinen Umweltbildung ist es daher wichtig, noch mehr umweltpädagogische Angebote im außerschulischen Bereich anzubieten und hier mit Ansätzen der Selbstwirksamkeit, Selbsterfahrung und Freiwilligkeit gezielt die Stärkung des Umwelthandelns in den Fokus zu nehmen.

Unsere Forderungen:

  • Mehr öffentliche Mülleimer
  • Verpackungsarme Verpflegung
  • Ein umfangreicher und sicherer Ausbau des Radwegenetzes
  • Stärkung außerschulischer umweltpädagogischer Angebote

4. Bildung und Schule

Mehr denn je müssen sich junge Menschen in der heutigen Zeit an rasante Entwicklungen und sich verändernde Bedingungen anpassen. Lernen ist ein lebenslanger und niemals abgeschlossener Prozess geworden. Im Wandel von der Industrie- zur Wissensgesellschaft wird Bildung zur entscheidenden Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe.

Junge Menschen brauchen in dieser wichtigen Lebensphase vielseitige Unterstützung, um die an sie gestellten Herausforderungen meistern zu können und ihren Platz in der Gesellschaft zu finden. Sie brauchen ein Bildungs- und Schulsystem der Zukunft, welche die bestmögliche Entwicklung und Förderung aller geistigen, seelischen und körperlichen Kräfte zum Ziel haben.

Dabei darf Bildung nicht auf die Betrachtung von Schule und anderen formellen Bildungsorten verengt werden. Bildung soll junge Menschen dazu befähigen, eine umfassende und vielseitige Persönlichkeit zu entwickeln, um ein selbstbestimmtes und eigenverantwortliches Leben führen zu können. Dafür muss früh Selbstwirksamkeit erlebt werden.

Eine besondere Rolle kommt dabei der außerschulischen Jugendbildung und den Jugendverbänden als informelle und nonformale Bildungsorte zu. Denn hier können junge Menschen freiwillig, demokratisch und ihrem eigenen Interesse nach mitgestalten und Bildungsprozesse erleben.

Unsere Forderungen:

  • Die Bereitstellung von Geldmitteln, um Projekte mit außerschulischen Bildungspartnern an Schulen zu realisieren
  • Stärkere Verknüpfung zwischen schulischer und außerschulischer (politischer) Bildung
  • Angebote für schuldistanzierte Kinder und Jugendliche ausbauen

5. Digitalisierung und Medien

Digitale Medien sind in unseren Zeiten allgegenwärtig und nehmen einen immer größeren Teil unseres Alltags ein. Vor allem Kinder und Jugendliche haben eine neue Lebenswelt hinzugewonnen, in der persönliche Orientierung und gesellschaftliche Teilhabe neu organisiert und gedacht wird. 

Die Digitalisierung und besonders das Internet bieten unendlich viele Chancen, deren soziale Gefahren nicht abschließend bekannt sind. Die Verfügbarkeit von Internet und vor allem der Begrenzung von Geschwindigkeit und Datenvolumen sind in unserer Gesellschaft ungleich verteilt. Öffentliche Orte und Einrichtungen der Jugendarbeit müssen daher ihren Beitrag zur sozialen Gerechtigkeit leisten und dabei unterstützt werden, freies WLAN anzubieten.

Medienkompetenz ist eines der wichtigsten Schlagwörter, wenn es um die eigenverantwortliche und reflektierte Nutzung von Medien geht. Den Bildungsauftrag dürfen wir nicht nur in den Schulen und formalen Bildungsrahmenplänen stärken, sondern müssen hier Freiräume in Form von Infrastruktur schaffen, damit junge Menschen selbstwirksam ihre digitale Identität und die Mediennutzung erfahren, erproben und sich aneignen können.

Unsere Forderungen:

  • Freies WLAN in Schulen und Einrichtungen der Jugendarbeit und in der gesamten Stadt
  • Ausbau medienpädagogischer Bildungsangebote
  • Förderprogramm für digitale Infrastruktur außerschulischer Angebote für Kinder und Jugendliche
  • Die Realisierung von offenen Jugendprojekten mit medienpädagogischem Schwerpunkt und entsprechender Betreuung, zum Beispiel in Form von Medientreffs

6. Sport und Freizeitflächen

Die Stadtentwicklung in Leipzig steht unter enormem Druck. Dies betrifft in unserer wachsenden Stadt nicht nur Segregationsprozesse und den Wohnraum, sondern auch das Flächenangebot für Sport, Spiel, Freizeit und Erholung junger Menschen.

Neben der Verfügbarkeit von wohnortnahen Freizeit-, Grün- und Sportflächen ist die Mitbestimmung durch junge Menschen zur Ausgestaltung und dem Betrieb (wie Öffnungszeiten, Nutzungsmöglichkeiten, aber auch die Bestimmung von Regeln und Verhaltensweisen) sehr wichtig. Junge Menschen lassen sich nicht vorschreiben, wo sie ihre Freizeit verbringen sollen, sie eignen sich ihre Räume selbst an. Durch umfassende Partizipationsprozesse kann eine Aneignung besonderer Orte allerdings fokussiert und diskutiert werden.

Der Sport ist ein verbindendes Element in der Jugendarbeit. Als gemeinsame, sinnstiftende Erfahrung und Wertevermittlung kann er die Persönlichkeitsentwicklung fördern und schafft physischen Ausgleich zum digitalisierten Leben. Die Hürden zur Nutzung von Sportstätten müssen für die Kinder- und Jugendarbeit, sowie direkt für die Freizeitgestaltung junger Menschen abgebaut werden.

Unsere Forderungen:

  • Bedarfe an Freizeitflächen, öffentlichen Räumen für junge Menschen stadtplanerisch mitdenken und entsprechend priorisieren
  • Kostenfreie bzw. ermäßigte Spiel- und Sportstätten-, Schwimmhallennutzung für den organisierten Kinder- und Jugendsport
  • Den Erhalt bestehender und die Schaffung neuer Sportstätten