Kurzinterview mit Christian Kurzke

Jugendverbände „Werkstätten der Demokratie?!"

… so lautet der Titel des diesjährigen Fachtages Jugendverbandsarbeit des Stadtjugendring Leipzig e.V. zu den Möglichkeiten demokratischer und politischer Bildung in der Jugendverbandsarbeit. Frederik Schwieger sprach vorab mit Christian Kurzke, dem Referenten des Eröffnungsvortrages. Christian Kurzke, Studienleiter bei der Evangelischen Akademie Meißen, arbeitet seit Jahren zu vielen Themen rund um Jugend, Jugendarbeit, Demokratie und Bildung.

Lieber Christian, am kommenden Samstag wirst du unseren Fachtag "Werkstätten der Demokratie" mit einem Impulsvortrag eröffnen. Krise der Demokratie klingt erstmal provokativ. Ist unsere Demokratie gerade wirklich in einer Krise?

Meiner Wahrnehmung nach ist unsere Demokratie herausgefordert. Daher steht sie derzeit mehr als in den zurückliegenden Jahren und vielleicht auch Jahrzehnten in der Pflicht, für sich selbst zu sprechen. Dies bedeutet, alle Akteure einer Demokratie sind mehr denn je aufgefordert Demokratie zu leben und in demokratischen Prozessen den weiteren gemeinsamen Weg zusammen zu gestalten. Denn wenn zu viele Menschen an ihr zweifeln oder sie gar beschnitten bzw. eingeschränkt ist, dann kann es zu spät sein - für die Demokratie und damit für die Grundrechte aller. Die Einstellungsmuster, die Stimmen und gar die Mandate auf allen parlamentarischen Ebenen, welche demokratiekritische aber auch -feindliche Positionen vertreten, haben sich in den letzten Jahren stets gemehrt und zugleich strukturell gefestigt. Wozu diese Entwicklung auch führen kann, lässt sich bereits innerhalb Europas beobachten: populistische Bewegungen und Parteien greifen die Demokratieskepsis auf und verstärken diese, in anderen Staaten gelten nicht mehr alle Grundrechte oder sind nicht mehr für alle gleich.

Wie muss sich deiner Meinung nach unsere Demokratie weiterentwickeln damit sich noch mehr junge Menschen beteiligen?

Zunächst ist es notwendig, dass alle Akteure - dazu zählen im Übrigen auch und vor allem die Bürger*innen wie auch die Institutionen der Verwaltung - noch engagierter, motivierter aber auch herzlicher Demokratie erklären, leben und immer wieder dazu einladen, Momente der Demokratie, bspw. Beteiligungsprozesse auch im Kleinen vor Ort umsetzen. Das meint nicht nur in deutlichen Widerspruch zu gehen, wenn die Demokratie infrage gestellt wird. Das bedeutet bspw. auch, politische Bildung zu intensivieren, an formalen Orten und informellen Orten. Politische Bildung heißt allerdings nicht, sich auf die Erläuterung (und das Auswendiglernen) bspw. der parlamentarischen Prozesse zu beschränken. Das hat auch zur Folge, dass immer wieder überprüft werden muss, ob es gelungen ist tatsächlich alle Betroffenen in Entscheidungsprozesse einzubinden und diese eben auch transparent zu gestalten, ganz gleich ob in einer Kita, der Umgestaltung eines Straßenzuges in einer Kommune oder der Entwicklung eines neuen Schulgesetzes. (Vermeintlich) Fehlende Transparenz ist einer der kritischen Ansatzpunkte derjenigen, die zurzeit sich kritisch zur Demokratie positionieren. Und wir müssen realistisch bleiben: das ist keine Frage von zwei oder drei Jahren. Dies ist ein langer Prozess. Und es ist ein Prozess, der stets aufrechterhalten werden muss, der nicht beendet sein wird. Was Kinder und Jugendliche (nicht) lernen und (nicht) erfahren ist die Basis dessen, wie sie sich zukünftig zu unserer Gesellschaft (nicht) positionieren, sich (nicht) einbringen und dies wiederum ihren eigenen Kindern (nicht) vorleben. Die besondere Aufgabe derzeit ist, dass wir nicht nur die politische Bildung für die junge Generation weiterentwickeln, manchmal überhaupt erst aufbauen müssen, sondern zugleich eben auch eine beträchtliche Anzahl an Menschen der älteren Generationen wieder für die Demokratie gewinnen müssen.

Was können die Jugendverbände tun um die demokratische Zivilgesellschaft in Sachsen und in Deutschland zu stärken?

Jugendverbände sind aufgefordert, sich selbst als demokratischer Akteur im oben beschriebenem Sinne zu verstehen und auch so zu verhalten. Zum einen müssen sie selbst in ihren eigenen Strukturen wie auch in der konkreten Arbeit mit den jungen Menschen Demokratie leben. Zum anderen sind sie gehalten, sind in die gesellschaftspolitischen Debatten einzubringen, zu positionieren und stellvertretend für Kinder und Jugendliche sich zu engagieren bzw. deren Interessen zu vertreten. Wenn sie dies nicht oder „zu leise“ umsetzen, dann fehlt genau diese Stimme. Das bedeutet auch immer wieder daraufhin zu wirken, dass in parlamentarischen oder gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen die Belange von jungen Menschen mit betrachtet werden und mögliche Entscheidungsergebnisse daraufhin noch einmal überprüft werden. Dazu zählt bspw. der nun auch in Sachsen begonnene Prozess hin zu einer Eigenständigen Kinder- und Jugendpolitik. Doch dieser steht, so nüchtern ist dies einzuschätzen, noch in seinen Anfängen. Jedoch dessen Intention wie auch die positiven Erfahrungen auf Bundes- und anderen Landesebenen sollten Argumente genug sein, stärker auf dessen Umsetzung hinzuwirken. Ein zentrales Element hierfür wäre auch die Etablierung des sogenannten Jugendchecks, denn dieser institutionalisiert das notwendige Vorgehen und sichert die Einbindung der Belange der jungen Generation stärker ab. Wie sehr dies notwendig ist zeigen so einfache Beispiele wie die kaum sinkende Kinder- und Jugendarmut oder die in Wellen bzw. regionalen Besonderheiten aufkommenden Überlegungen Jugendarbeit weniger finanziell zu fördern (auch aktuell in sächsischen Landkreisen). Wer an der Jugendarbeit spart, spart nicht nur an der Jugend, sondern auch an einem essentiellen Element der Zukunftssicherung unserer Demokratie.