Neues aus dem Stadtjugendring

Demokratie muss nicht gelernt, sondern gelebt werden!

Anmerkungen zur Bildungspolitischen Stunde "Politische Bildung" im Leipziger Stadtrat am 07.10.2020

 

Als Stadtjugendring Leipzig e.V. begrüßen wir es sehr, dass der Stadtrat, im Rahmen seiner jährlichen Bildungspolitischen Stunde sich einer zweistündigen Diskussion zum Thema Politische Bildung angenommen hat. Das zeigt die Aktualität und Brisanz des Themas angesichts vermehrter demokratiefeindlicher Tendenzen innerhalb der Gesellschaft und einer messbar zunehmenden Distanz zwischen der Bevölkerung und den politischen Institutionen und Akteur*innen. Diesen wichtigen Impuls wollen wir aufnehmen und die Diskussion außerhalb des Plenarsaals um einige kritische Anmerkungen bereichern und fortführen.

Die Stellungnahme zum download als »PDF, 180 KB

Politische Bildung ist Prävention?

Politische Bildung soll vorbeugen, soll präventiv wirken gegen Rechtsextremismus, so der grundlegende Tenor der Veranstaltung. Sie soll Politikverdrossenheit und viele weiteren Herausforderungen unserer Gesellschaft begegnen. Wir möchten dieser Perspektive mit einer Kritik begegnen, die bereits von Helle Becker, Leiterin der Transferstelle politischer Bildung, treffend formuliert wurde: 

"Leider folgt der Ruf nach mehr politischer Bildung und nach Demokratiebildung […] weniger der Einsicht in die generelle Notwendigkeit, dass Menschen lernen sollten, politische Sachverhalte zu verstehen und kritisch zu hinterfragen sowie ihr  eben in der Gesellschaft aktiv mitzubestimmen. Das aber ist der Auftrag und das Ziel politischer Bildung."[1]

Der Stadtjugendring Leipzig versteht die Notwendigkeit politischer Bildung demnach als elementar wichtig für das Aufwachsen junger Menschen, unabhängig von aktuellen politischen Entwicklungen. Für eine starke und lebendige Demokratie ist sie stets von zentraler Bedeutung, da die Voraussetzung für die Partizipation am gesellschaftlichen Leben individuelle Mündigkeit der*des Einzelnen ist. Damit ist politische Bildung, die diese Mündigkeit befördern soll, eben kein konjunkturelles Thema, sondern muss dauerhaft gelebt und gestaltet werden. Sie kann deshalb nicht in einem abstrakten Lernen über Strukturen und Prozesse im Politischer Raum bestehen, sondern braucht konkrete persönliche Erfahrungen mit demokratischen Gestaltungsprozessen im Alltag, um erfolgreich und nachhaltig zu wirken.

Politische Bildung ist mehr als Institutionslehre!

In den Referaten blieb darüber hinaus leider die Frage unbeantwortet, welches Interesse Jugendliche (oder auch ältere Menschen) zu ihrer Beteiligung an demokratischen Formaten eigentlich motiviert bzw. motivieren soll. Grundlagen des parlamentarischen Betriebes zu kennen, Kenntnisse über das Grundgesetz, Redezeiten, Antragswesen und Sitzungsleitung in demokratischen Gremien zu haben und spielerisch zu erlernen, nützt nur den Menschen, die ihre Interessen wirkungsvoll vertreten wollen. Die bereits existierende methodisch gute Aufbereitung von Workshop-Formaten muss deshalb verbunden werden mit einer inhaltlichen Auseinandersetzung mit der Frage, was Teilnehmende konkret an Beteiligungsprozessen gewinnen können.

Die Ferne vieler junger Menschen zu den politischen Institutionen lässt sich nicht wirkungsvoll verringern, indem versucht wird, (jungen) Menschen allein auf formaler Ebene die Arbeitsweisen demokratischer Institutionen und  demokratische Werte näher zu bringen. Denn die Ferne zu diesen Institutionen ist mehr als ein Ausdruck mangelnden Wissens, sondern vielmehr einer lebensweltlichen Erfahrung: Politik geht mich nichts an! Eine Veränderung dieser Wahrnehmung wird nicht dadurch erreicht, dass die Wichtigkeit der Institutionen fortlaufend betont wird. Stattdessen müssen diese selbst als nützliche Orte erscheinen, an denen ein Mitwirken der*dem Einzelnen einen Gewinn bringt. Sie müssen veränder- und gestaltbar sein, damit die Attraktivität steigt, dort für eigene und gemeinsame Interessen einzutreten. 

„Die Demokratie ist mehr als eine Regierungsform: Sie ist in erster Linie eine Form des Zusammenlebens, der gemeinsamen und miteinander geteilten Erfahrung."[2]

Wir meinen, politische Bildung muss daher an den konkreten Interessen der*des Einzelnen ansetzen und darauf zielen, Demokratie nicht nur zu verwalten, sondern dort zu verändern, wo dieser Lebensweltbezug nicht gegeben ist. Als Werkstätten der Demokratie treten wir deshalb für eine Stärkung lebensweltlich orientierter politischer Bildung in Jugendverbänden, Jugendclubs, Initiativen und Vereinen ein. Politische Bildung und Demokratie muss umfänglich und lebenslang gelebt werden, und muss damit mehr sein als eine Demokratieprojektwoche kurz vor den Sommerferien.

Der Stadtjugendring freut sich auf weitere Debatten rund um die Thematik und beteiligt ich gerne an der inhaltlichen und konzeptionellen Ausarbeitung des neuen Demokratie-Referats der Stadt Leipzig.

Weitere Informationen zur Jugendverbandsarbeit als “Werkstätten der Demokratie”, sind in unserer Schriftenreihe der »DOKUMETE 1 – Gelebte Demokratie in der Leipziger Jugendverbandsarbeit (PDF, 3,2 MB) und für »Bildung und Demokratiebildung zu Wahlen in der DOKUMENTE 2 (PDF, 3,5 MB) enthalten.


[1] Becker, Helle (2019): Politische Jugendbildung in Deutschland, https://politischbilden.de/material/politischejugendbildungindeutschland, abgerufen am 08.10.2020

[2] Dewey, John (1949): Demokratie und Erziehung, Braunschweig ; Berlin ; Hamburg : Westermann