Jugendpolitik News

Stellungnahme für eine verlässliche und partnerschaftliche Kinder- und Jugendpolitik in Zeiten der Corona-Pandemie

Der Coronavirus hat mittlerweile unseren Alltag einschneidend verändert. Für die Kinder und Jugendlichen haben sich Freiräume verringert, für Familien gab es einen abrupten Bruch in den verlässlichen Infrastrukturen der Kinder- und Jugendhilfe sowie der Schulen. Wir alle standen in den letzten Tagen und Wochen privat sowie beruflich vor ungeahnten neuen Herausforderungen. Plötzlich fehlende Kinderbetreuung, eine Unterbrechung des Studiums und die Unsicherheiten darüber, wie es mit der Jugend(verbands)arbeit in den nächsten Wochen und Monaten weiter gehen wird.

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Als Stadtjugendring Leipzig e.V. nehmen wir gemeinsam mit unseren 38 Mitgliedern unsere gesellschaftliche Verantwortung sehr ernst und werden unsere Kompetenzen in dieser Ausnahmesituation verlässlich einbringen. Kreativ und mit neuen Wegen halten wir eine lebendige Zivilgesellschaft in der Jugendverbandsarbeit und wichtige soziale Infrastrukturen aufrecht. Gerade für benachteiligte Bevölkerungsgruppen, deren Situation sich durch die Isolation und Existenzängste noch einmal verschärft, versuchen wir als unterstützende Fachkräfte und private Bezugspersonen weiterhin ansprechbar zu sein. Wir arbeiten intensiv an Lösungen, Ideen und Perspektiven für die Zeit nach dieser Krise.

Wir setzen uns für eine zukunftsfähige Infrastruktur ein

Gerade jetzt zeigen die Jugendverbände ihr besonderes Potenzial. Durch das Prinzip der Ehrenamtlichkeit und die selbstorganisierte Vereinsarbeit können sie ihre Angebote kinder- sowie jugendgerecht umstellen. Weiterhin gibt es Gruppenstunden, Spieleabende und Workshops, die kurzerhand in digitale Räume umgezogen sind. Die Offene Jugendarbeit hat die Erreichbarkeit ihrer Mitarbeiter*innen in kürzester Zeit sichergestellt und sucht neue Ansätze, um den Alltag mit Kindern und Jugendlichen abwechslungsreich zu gestalten und verlässlicher (digitaler) Anlaufpunkt zu sein. Die Mobile Jugendarbeit zieht sich nicht zurück, sondern ist gerade jetzt in den Stadtteilen unterwegs und spricht die jungen Menschen an, die es nicht in den eigenen oder den vier Wänden der Familie aushalten. Wir setzen uns daher für die Sicherung dieser wichtigen sozialen Infrastruktur und einer lebendigen Zivilgesellschaft ein:

  • Der Rettungsschirm des Bundes für gemeinnützige Träger in der Kinder- und Jugendhilfe muss zur Sicherung der Liquidität zügig kommunal umgesetzt werden. Im Falle existenzbedrohender wirtschaftlicher Schieflagen oder Liquiditätsengpässen, sind für gemeinnützige Vereine, die anerkannte Träger der freien Jugendhilfe sind, ähnlich schnelle und unbürokratische Lösungen notwendig, wie im Bereich der Unterstützung für Unternehmen und Gewerbe.
  • Projekte und Maßnahmen sind für die Finanzierung ihrer Ausgaben zu einem prozentualen Eigenanteil verpflichtet. Aufgrund ausbleibender Teilnehmer*innenbeiträge entsteht für viele Träger ein finanzielles Loch in ihrem geplanten Kosten-Finanzierungs-Plan. Wir brauchen in diesen Fällen unbürokratische individuelle Lösungen zwischen öffentlichen und freien Trägern.
  • Jugend(verbands)arbeit lebt auch durch die vielen kleinen Verbandshäuser, Zeltlagerplätze und Bildungsstätten. Sie stellen die notwendige Infrastruktur für unsere Arbeit und finanzieren sich zum Hauptteil über Einmietungen. Diese Einrichtungen brauchen jede Unterstützung, schnelle Nothilfe durch Bund und Land. Wir fordern den öffentlichen Träger auf, sich an geeigneter Stelle für diese notwendige Infrastruktur einzusetzen.
  • Bildungsmaßnahmen, Ferienfreizeiten und internationale Jugendaustausche: Die Absagen unserer Maßnahmen führen zu Stornokosten für Zeltplätze, Busreisen oder Referent*innen. Stornokosten müssen, entsprechend der Anwendungshinweise zum Fördervollzug in Zusammenhang mit Corona des sächsischen Finanzministeriums, als zuwendungsfähig anerkannt werden.

Niemand darf in der Krise zurück bleiben!

Die Corona-Pandemie und ihre Auswirkungen trifft nicht alle Menschen gleich. Die Isolation und das Kontaktverbot kann vor allem in beengten Wohnungen mit vielen Geschwistern sehr herausfordernd sein. Hier ist derzeitig jeder Freiraum, der sonst außerhalb der Familie aufgesucht wird, verloren gegangen. Viele Kinder, Jugendliche und junge Erwachsenen sind besonders häufig von Armut betroffen. Durch die umfassende Kurzarbeit und den Verdienstausfall in den Familien verschärft sich zudem die Konfliktlagen im häuslichem Bereich.

Viele Familien wachsen durch diese Herausforderungen zusammen. Wo dies nicht geschieht, müssen bald die aufsuchenden Hilfen verstärkt, die Versorgung durch wegfallende Schulspeisung, der Leipziger Tafel und das gemeinsame Kochen im Jugendclub ersetzt und darf der Anschluss durch Bildung nicht allein auf das familiäre Umfeld übertragen werden. Wir wollen das kein Kind, Jugendlicher oder junger Erwachsener in dieser Krise zurück bleib:

  • Der Kinderschutz muss in der Corona-Pandemie gewährleistet bleiben! Es braucht neue Konzepte der aufsuchenden Beratung für Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene und Familien, die in Situationen geraten, die sie nicht alleine bewältigen, da diese nicht auf verlässliche private und soziale Netzwerke zurückgreifen können. Die bestehenden Angebote sollten in jeglicher Art (finanzielle Ausgestaltung, personelle Ressourcen, Equipment) gestärkt werden.
  • Notwendig sind auch finanzielle Unterstützungen für junge Menschen und Familien, die jetzt angesichts von Kurzarbeit oder fehlendem Einkommen in Notlagen kommen. Wir begrüßen in diesem Zusammenhang die Öffnung des Kinderzuschlags (Notfall-KIZ). Auf kommunaler Ebene schlagen wir die Öffnung des Leipzig-Passes für diese Personengruppe vor.
  • Die digital gestützte Schulbildung muss für alle Haushalte umsetzbar sein. Notwendige Technik steht nicht überall zur Verfügung, oder wird sich unter den im Haushalt lebenden Mitgliedern geteilt. Ebenso kann Homeschooling1 nicht das begleitete Lernangebot durch Lehrer*innen ersetzen. Für die Ausstattung und Umsetzung der Angebote müssen neue entstehende Spielräume des DigitalPakts Schule zügig durch den öffentlichen Träger genutzt werden.

Ehren- und Hauptamtliche in der Krise unterstützen

Als Ehren- und Hauptamtlichen der Kinder- und Jugendarbeit lernen wir jeden Tag neu, wie wir mit dieser schwierigen Situation umgehen können. Wir erweitern unsere Angebote, werden kreativ in der Findung neuer Beziehungsarbeit und erproben neue Konzepte. Gerade für die Zeit nach der Krise ist es notwendig, die verlässliche Infrastruktur der Kinder- Jugendarbeit aufrechtzuerhalten und stetig weiter zu entwickeln. Noch bestehen Unsicherheiten bei den Fachkräften, wie eine Beschäftigung bei anhaltenden Kontaktverbot aussehen kann. Dies betrifft die Angestellten von freien Trägern der Jugendhilfe, aber auch die zahlreichen Honorarkräfte und Selbstständigen, die insbesondere ein Großteil der außerschulischen, kulturellen und medialen-Bildung in der Jugendhilfe abdecken. Hier müssen schnell Lösungen der existenziellen Absicherung umgesetzt werden und Leistungen sowie Kompetenzen für die freien Träger erhalten bleiben:

  • Offene Freizeiteinrichtungen, Jugendkultureinrichtungen und ähnliche Einrichtungen, Projekte und Maßnahmen der Kinder- und Jugendförderung müssen weiter finanziert werden, auch falls Einrichtungen längerfristig geschlossen bleiben müssen. Zu befürchten ist ansonsten, dass jede aufgrund des Coronavirus geschlossene Jugendeinrichtung für immer aus der sozialen Infrastruktur der Stadt Leipzig verschwindet und Fachkräfte abwandern.
  • Virtuelle Angebote wie Webinare müssen förderfähig und damit insbesondere die zahlreichen Honorarkräfte in der Jugendhilfe unterstützt werden.

Um die nächsten Monate als Gesellschaft, Vereine und Verbände zu überstehen und anschließend den Übergang zu den regulären Angeboten gewährleisten zu können, müssen wir die verlässliche und auf Augenhöhe agierende Kinder- und Jugendpolitik in Leipzig stärken. Wir benötigen dazu die Rückendeckung und Unterstützung durch die Politik und den öffentlichen Träger.

Beschlossen durch den Vorstand des Stadtjugendrings Leipzig e.V. am 30.03.2020


1Das Homeschooling, oder Hausunterricht, ist in Deutschland nicht grundsätzlich erlaubt. Die Corona-Pandemie darf nicht zu einer zeitweisen Übertragung des mit der Schulpflicht verbundenen Bildungsauftrag des Staates, hin zu den Eltern führen. Dies würde zu einer Verschärfung der Bildungsungleichheit führen.